In der Food-Branche jagt ein Trend den nächsten. Oft so schnell, dass man kaum mitzuhalten vermag. Viele dieser Trends sind so kurzlebig, so beliebig, dass es oft gar nicht möglich ist, sich wirklich damit auseinanderzusetzen. Doch wenn eine Wissenschaftlerin ihre Food Trends präsentiert, horcht die Branche auf: dann nämlich wenn Hanni Rützler, Ernährungswissenschaftlerin und Food-Trendforscherin, im jährlichen Food Report die Branchentrends für das kommende Jahr veröffentlicht.

Ihre Analysen sind relevant, weil ihre Food Trends auf globalen, langfristigen Megatrends basieren und kurzlebige Phänomene beiseite lassen. Sie sieht Food Trends als Antwort auf Sehnsüchte und Wünsche. Zur richtigen Zeit erkannt, bieten sie Orientierungshilfe für Unternehmen in der Food-Branche, auch hinsichtlich der Kommunikationsstrategie.

Unlängst hatte ich wieder die Gelegenheit, einen ihrer Vorträge zu hören und einen Einblick in die Trends für 2018 zu gewinnen. Einige Aspekte daraus sind insbesondere auch für die Kommunikation relevant:

Essen ist die mächtigste Verbindung zur analogen Welt.

— Hanni Rützler

Bureau Wiebogen Food Trends 2018 Hanni Rützler

Essen ist die mächtigste Verbindung zur analogen Welt.

„Essen wird über lange Sicht das sein, was uns im Zeitalter der immer schnelleren Digitalisierung noch mit der analogen Welt verbindet“, findet René Redzepi, dänischer Küchenchef und Mit-Eigentümer des legendären NOMA, das 2010, 2011, 2012 und 2014 vom Restaurant Magazine zum besten Restaurant der Welt gekürt wurde. Denn wenn unsere Arbeitswelt – meine miteingeschlossen – immer digitaler wird (und wir das zum größten Teil auch schätzen), sehnen wir uns zum Ausgleich wieder nach der Begegnung mit der Natur. Und Essen ist da die mächtigste Verbindung zur analogen Welt.

Aus meiner Sicht können nur handwerklich hergestellte Lebensmittel diese Sehnsucht nach der Natur stillen. Weil eben nur Salat, der auf echter Erde gewachsen ist, wie Salat schmeckt und nicht nur so aussieht. Weil eben nur Brot, das mit der Hand gewirkt wurde und im Holzofen gebacken wurde, diese saftige Krume und die knusprige Kruste hat. Weil eben nur der säuerliche Boskoop dieses angenehme Prickeln auf der Zunge erzeugt. Weil man nur wenn man den Produzenten/ die Produzentin kennt, auch wirklich weiß, wo das Produkt herkommt. Kein von einer Maschine geformtes Semmerl, kein in Plastik und Styropor verschweißtes Rinderfilet wird diese Ursprünglichkeit, diese Natürlichkeit je nachahmen können.

Bureau Wiebogen Food Trends 2018 Rene Redzepi

Essen wird über lange Sicht das sein, was uns im Zeitalter der immer schnelleren Digitalisierung noch mit der analogen Welt verbindet.

— René Redzepi

Konsument*innen wollen Lebensmittel sinnlich erfahren.

Immer mehr Konsument*innen wollen ihre Lebensmittel nicht mehr nur „verbrauchen“, sondern wortwörtlich „erleben“: Sie wollen Erfahrungswissen sinnlich „erfahren“. Sie möchten „näher ran“ an das Produkt, möchten zuschauen, möchten riechen, möchten probieren. Sie möchten mit den Produzent*innen reden und mehr über die Produktionsschritte und Zubereitungsarten erfahren. Slow Food verwendet dafür schon lange den Begriff der Prosument*innen, nämlich Konsument*innen durch die Teilnahme an der Herstellung stärker zu involvieren.

Produzent*innen bietet das die Chance, ihr handwerkliches Können zu zeigen und die Qualität, die Hochwertigkeit ihrer Produkte unter Beweis zu stellen und zu untermauern. Wer die Möglichkeit und die Kapazitäten hat, sollte Konsument*innen Einblick in die Herstellung gewähren. Als Best-Practice-Beispiel nennt Hanni Rützler die Stadtkäserei Lingenhel in der Landstraßer Hauptstraße, wo man Käsen lernen kann. Denn feststeht: wer einmal Mozzarella selbst gemacht hat, den cremig-weichen Käse probiert hat, der will nie wieder gummiartigen Industrie-Mozzarella essen.

Die Globalisierung fördert das Interesse an der Region.

Anfangs schien es noch Luxus, durch die Globalisierung an jedem Ort und zu jeder Zeit jedes Lebensmittel haben zu können. Mittlerweile erscheint es vielen Konsument*innen als Überfluss. Und lernen damit umzugehen, indem sie auswählen und bewusst verzichten. Dieser Verzicht fördert gleichzeitig das Interesse an der Region und die Sehnsucht nach Saisonalität. Wann hat welches Gemüse Saison und wie schmeckt es wirklich im Hier und Jetzt?

Das ist für Produzent*innen, die lokal und saisonal produzieren, ein wichtiger Kommunikationsaspekt. Die Saisonalität von Produkten hervorzustreichen, eine Verbindung zur Herkunft des Produkts auch in der Kommunikation herzustellen, hilft Konsument*innen mehr über ein Produkt und seine Herkunft zu erfahren und so auch zu verstehen, warum ein Produkt wann und wie schmeckt. Als Best Practice Beispiel kann hier die Weinbranche genannt werden: Winzer wissen in Perfektion über das Terroir ihrer Weine zu erzählen.

Bureau Wiebogen Expertise

Konsument*innen haben die Informations- und Kommunikationsmacht

Smartphones bemächtigen Konsument*innen, sich Informationen zu holen, wann immer sie sie brauchen. Es sind auch die Konsument*innen, die entscheiden, woher sie ihre Information beziehen. Konsument*innen haben heute die „Informationsmacht“. Sie orientieren sich nicht mehr nur an Expert*innenwissen, sondern auch an Empfehlungen, persönlichen Erfahrungen, Ernährungsphilosophien und Meinungen im Internet. Damit können Konsument*innen auch „Kommunikationsmacht“ übernehmen mit allen Vor- und Nachteilen.

Gleichzeitig haben auch kleine Produzent*innen die Möglichkeit, einen Teil der „Kommunikationsmacht“ zurückzuerobern. Dann nämlich, wenn sie selbst publizieren, selbst Informationen über ihre Produkte zur Verfügung stellen. Soziale Medien, Website und Blog – das Internet bietet ausreichend Plattformen! Das bringt uns auch zurück zu René Redzepis Zitat, nämlich wenn wir selbst die Brücke zwischen Digitalisierung und Essen schlagen.

 

Fotocredits:
Hanni Rützler: Nicole Heiling
Rene Redzepi: Ditte Isager